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Benachteiligt durch Selbstfinanzierung? Wie Studierende ihr Zeitbudget aufteilen und was sie dabei beeinflusst

  • C. Gwosc, B. Apolinarski, P. Bornkessel
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Christoph Gwosc, Beate Apolinarski, Philipp Bornkessel

Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, Deutschland

Studierende wenden einen erheblichen Teil ihrer verfügbaren Zeit für studien- und erwerbsbezogene Aktivitäten auf. So sind etwas mehr als zwei Drittel (68 %) der Studierenden in Deutschland erwerbstätig. Durchschnittlich investieren sie rund 33 Stunden pro Woche in ihr Studium und ca. acht Stunden in ihre Erwerbstätigkeit (Middendorff et al., 2017). Beides kann dabei durchaus in einem konfliktären bis hin zu einem benachteiligenden Verhältnis stehen, etwa wenn Studierende zunehmend Zeit für ihre Erwerbstätigkeit aufwenden müssen und dafür gezwungen sind, Studienzeit zu reduzieren. Dies gilt insbesondere, wenn, so unsere Hypothese, der Umfang von Erwerbstätigkeit durch die Art und Höhe der Finanzierung Studierender und damit zumindest indirekt durch ihren familiären sozioökonomischen Hintergrund beeinflusst wird.

Ausgangspunkt für diese Hypothese bildet die Zeit-Allokationstheorie (Becker, 1965). Demnach wird Zeit als eine grundlegende Ressource (im wirtschaftlichen Sinne) begriffen, die in die Planung des Arbeitsangebots (Erwerbszeit) und der „Nachfrage“ nach Hochschulbildung (Studienzeit) durch Studierende in Abhängigkeit von ihrer finanziellen Ausstattung einfließt. Angereichert wird dieser Ansatz mit Überlegungen und Konzepten der empirischen Bildungsungleichheitsforschung. Insbesondere wird auf das Motiv des intergenerationalen Statuserhalts (Boudon, 1974; Keller & Zavalloni, 1964; Esser, 1999; Breen & Goldthorpe, 1997) sowie die im Zuge der Bildungsexpansion allgemein gestiegenen Bildungsaspirationen/-ambitionen Bezug genommen (Becker, 2000), wenn es darum geht, den Einfluss des sozioökonomischen Hintergrundes der Studierenden auf ihre familiären und staatlichen finanziellen Unterstützungsleistungen sowie auf ihre studienbezogenen zeitlichen Ressourcen inhaltlich zu spezifizieren. Schließlich können diese als Investitionen der Elterngeneration in den Bildungserfolg ihrer Kinder interpretiert werden.

Zur empirischen Prüfung unserer Überlegungen werden Daten der 21. Sozialerhebung, einer Querschnittsstudie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage von Studierenden in Deutschland, herangezogen (Middendorff et al., 2017). Nach Bereinigung, Plausibilisierung und Zuschnitt der Daten, umfasst der Analysedatensatz Angaben von insgesamt 11.228 deutschen und bildungsinländischen Studierenden.

Für sie lässt sich anhand einer Pfadanalyse erstens zeigen, dass mit steigenden familiären sowie staatlichen finanziellen Leistungen die Erwerbszeit der Studierenden abnimmt. Zweitens kann nachgewiesen werden, dass eine Ausweitung der Erwerbszeit sowohl mit geringeren zeitlichen Investitionen in Lehrveranstaltungen als auch in das Selbststudium einhergeht. Das Ausmaß an Erwerbszeit fungiert damit als zentraler Mediator. Es vermittelt die Effekte familiärer sowie staatlicher finanzieller Unterstützung beinahe vollständig und damit auch indirekt einen nicht unerheblichen Anteil der Einflüsse der sozioökonomischen Hintergrundvariablen auf die studienbezogenen Zeitaufwendungen. Allerdings ist grundsätzlich festzuhalten, dass der Einfluss indirekter Effekte auf die beiden zentralen endogenen Variablen (Zeit für Lehrveranstaltungen und das Selbststudium) in unserem Modell eher zu vernachlässigen ist. Vielmehr beruhen die totalen Effekte größtenteils auf direkten Einflüssen. Insofern ist der familiäre sozioökonomische Hintergrund – auch wenn er die Höhe familiärer sowie staatlicher Unterstützung unmittelbar beeinflusst – für die studienbezogenen Zeitaufwendungen von untergeordneter Bedeutung.

Unsere Analysen liefern damit einen entscheidenden Beitrag zu der Frage, welche Faktoren den zeitlichen Workload Studierender beeinflussen und auf welchem Weg sie dies tun. Es werden die direkten, indirekten und totalen Effekte zentraler Determinanten bestimmt. Insbesondere können Anhaltspunkte dafür geliefert werden, ob es durch Art und Umfang der Finanzierung der Studierenden und einer damit korrespondierenden Erwerbstätigkeit zu Benachteiligungen bei der ihnen zur Verfügung stehenden Studienzeit kommt und welche Rolle soziale Herkunftsaspekte hierbei spielen.

Themenbereiche

  • Offen

Autoren

  • C. Gwosc
  • B. Apolinarski
  • P. Bornkessel

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