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Fachhochschulen im Spannungsfeld von Wissenschaft und Praxis: Von der Notwendigkeit eines wissenschafts- theoretischen

Technische Hochschule Mittelhessen

Die Fachhochschulen (in meinem Bundesland Hessen auch Hochschulen für Angewandte Wissenschaft, HAWs, genannt) zeichnen sich durch eine hohe Orientierung und Ausrichtung an der beruflichen Praxis aus. Die Weiterentwicklung der Wissenschaft liegt im Aufgabenbereich der Universitäten. Das ist ein klarer Auftrag, der sich so im Hessischen Hochschulgesetz (HHG) in §4 Abs. 1 findet. Die wissenschaftliche Ausbildung ist zwar ebenso Aufgabe der HAWs, sie wird jedoch durch eine anwendungsbezogene Lehre, Forschung und Entwicklung „ermöglicht“ (HHG, §4 Abs. 3), was eine andere Schwerpunktsetzung ausdrückt. Das Ziel der Ausbildung ist in beiden Hochschulformen die Befähigung zur selbstständigen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden, wobei feinsinnig zu unterscheiden ist: an einer HAW zur Anwendung in der beruflichen Praxis, an der Universität nicht nur, sondern auch in der beruflichen Praxis (HHG, §4).

Spürt man den Auswirkungen dieser Zielsetzung auf der Mikroebene nach, sind Bedenken anzumelden. In einer Pilotstudie, die ich mit diesem Beitrag vorstelle, habe ich bundesweit die Modulbeschreibungen von Bachelorstudiengängen der Informatik an Fachhochschulen qualitativ in ihrem Wissenschaftsanspruch ausgewertet. Es zeigt sich das Bild einer zwar akademisch geprägten Lösungsorientierung für Problemstellungen, aber weniger ein wissenschaftliches als denn ein pragmatisches, ingenieurhaftes Projektvorgehen. Untersucht man an Bachelorarbeiten, inwieweit ein Wissenschaftsanspruch eingelöst wird, muss man anhand der Auswertung der Literaturverzeichnisse konstatieren, dass praktisch kein Anschluss an Wissenschaft stattfindet, dafür aber in hohem Maße Entwicklungsliteratur referenziert wird.

Auf den Punkt gebracht und in der Annahme, dass dies auch für weitere Studienfächer zutrifft: Für die Fachhochschulen wird auf der Makroebene zwar der Anspruch auf wissenschaftliche Ausbildung proklamiert, auf der Mikroebene wird er jedoch nicht eingelöst. Meine These ist, dass die Fachhochschulen mit der Zuwendung zur Praxis den Blick auf ihre wissenschaftstheoretische Einordnung verloren haben; ohne Rückbesinnung auf einen wissenschaftstheoretischen Diskurs werden Praxis und Wissenschaft schwerlich von selbst zur Passung kommen. Dieser Diskurs gehört an die Fachhochschulen, um ein wissenschaftliches Selbstverständnis zu entwickeln.

Dieser Beitrag soll für die Fachhochschul-Informatik einen Aufschlag mit wissenschaftstheoretische Überlegungen machen und einen Impuls für den allgemein zu führenden Diskurs skizzieren:

  1. Die Informatik – und das mag sehr speziell für diese Disziplin sein – hat ein vielfältiges bis unklares Wissenschaftsverständnis, was sich an einer historischen Rekonstruktion des Diskurses aufzeigen lässt (Tedre 2011). Diese Bewusstmachung ist wichtig und erklärt einige Schwierigkeiten.
  2. Das Verhältnis von Praxis und Wissenschaft unterscheidet sich im Umgang mit einem Gestaltungspotenzial. Die Praxis strebt einem Entwicklungsziel, die Wissenschaft einem Erkenntnisziel zu (Herzberg und Joller-Graf 2019). Ein wissenstheoretischer Zugang muss dieses Spannungsfeld berücksichtigen.
  3. Die Informatik hat eine Präferenz für den Konstruktivismus als lerntheoretische Fundierung (vgl. z.B. Troelstra 1999 und Ben-Ari 2001). Andere erkenntnistheoretische Zugänge, wie ich am Neuen Realismus aufzeigen möchte (vgl. Gabriel 2015 und Nida-Rümelin 2018), können meines Erachtens dedizierter die Eigenarten der Informatik aufgreifen und Anknüpfungspunkte an Forschungsansätze bieten, die Praxisrelevanz und wissenschaftliches Erkenntnisstreben mit geeigneten Methoden in einen Austausch bringen. Hier hilft es, sich bei Forschungsansätzen wie dem Design Research und dem Design Based Research Anregungen zu holen, ihr Verhältnis von Praxis und Wissenschaft zu analysieren und in der Eignung für eine Übertragung aufzuarbeiten.
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Themenbereiche

  • Mesoebene

Autoren

  • D. Herzberg

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  • T1 Vorträge 1 (10∶15 11∶30)

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kjol
27. März 2020 1:30 pm

Sehr interessanter Beitrag zu einer Arbeit mit interessanten Erkenntnissen und anregenden Schlussgedanken!
Nach den Ausführungen zu den Modulhandbüchern hat es ja wenig erstaunt, dass die Bachelorarbeiten so ausfallen, wie sie ausfallen. Viel erstaunlicher ist es, dass es scheinbar Ausnahmen gibt: Arbeiten, die wissenschaftliche Bezüge (im Sinne der Untersuchung) herstellen. Woher kommen die? Was „triggert“ diese Studierenden? Kommen die aus einem anderen Studium und sind vielleicht schon so sozialisiert? Oder was könnten andere Gründe für die Ausnahmen sein?
Und etwas, was ich mich die ganze Zeit gefragt habe: Kann es sein, dass Fachhochschulen auf der Bachelorstufe vielleicht sehr stark eine Berufsfähigkeit einlösen wollen – um dann auf der Masterstufe sich explizit(er) einem wissenschaftlich forschenden Zugang zu widmen? Welchen „Mehrwert“ im Vergleich zu Bachelorarbeiten weisen Masterarbeiten in der Informatik aus? Geht es vielleicht da erst darum, Informatik als eine (welche?) Wissenschaft zu begreifen? Aus meiner Sicht wäre das ein Grundfehler, wenn wir davon ausgehen, dass eine Hochschule auch für eine akademische Sozialisation zuständig ist…
Da scheint mir das Nachdenken über eine „Didaktik der Handlungswissenschaften“ ein interessanter Weg zu sein. Nicht zuletzt auch hinsichtlich unterschiedlicher Anforderungen auf Bachelor- und Masterstufe.

27. März 2020 1:56 pm
Reply to  kjol

Vielen Dank für Deine Gedanken!

* Woher die Ausnahmen? — Das ist eine gute Frage. In dem einen Fall in meiner Untersuchung, dem Ausreißer, widmet sich der Student/die Studentin einer Fragestellungen, die in einer Teildisziplin der Informatik angesiedelt ist, wo man keinen Blumentopf gewinnt, wenn man die Literatur ignoriert. In dem Fall war es der Compilerbau. Fragestellungen, die formaler, mathematischer Natur sind, sind (um es mal so zu sagen) notwendig theorielastig. Solche Arbeiten machen an der FH nur wenige Studierende, weil sie selten mit Fragestellungen aus der Praxis gekoppelt sind.

* Bachelor mit Berufsbezug, Master mit Wissenschaftsbezug? — Im Gespräch äußern viele FH-Kolleg_innen diese Stufung. Ich bin darüber auch nicht glücklich und halte das auch nicht für eine gute Entwicklung. (Nebenbei: Man könnte in der Tat auch mal den Unterschied zwischen Bachelor- und Masterarbeit in einer Studie herausarbeiten.)

27. März 2020 9:55 am

Der Podcast ist übrigens hier zu finden: https://anchor.fm/herzlog

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